Lexikon des Agrarraums

Kurt G. Baldenhofer

Zuckerrohrplantage in Australien

ländlicher Raum

In einer weit gefassten und globalen Auffassung ist ein ländlicher Raum (engl. rural area) ein geographischer Raum, der sich außerhalb von Städten und Agglomerationen befindet. Typischerweise hat ein ländlicher Raum eine geringe Bevölkerungsdichte und kleine Siedlungen mit relaativhohen zwischenmenschlichen Bindungen. Auch werden ländliche Räume traditionell mit Land- und Forstwirtschaft verbunden, insbesondere weil die Flächennutzung und das Landschaftsbild durch diese Funktionen bestimmt werden.

Konnte unter dem Begriff „ländlicher Raum” noch bis in die 1960er Jahren ein relativ homogener Raumtyp verstanden werden, der vor allem durch die große Bedeutung der Landwirtschaft und eine relativ geringe Bevölkerungsdichte zu charakterisieren war, so trifft dieses Bild inzwischen nicht mehr zu. Tatsächlich ist heute von einem differenzierten Muster unterschiedlich entwickelter ländlicher Räume auszugehen, die zugleich eine Vielzahl unterschiedlicher Funktionen wahrnehmen.

Ländliche Räume sind vor allem geprägt von der Landwirtschaft, die bei der  Flächennutzung z. B. in Deutschland mit einem Anteil von 54 Prozent dominiert. Im ländlichen Raum ist die Landwirtschaft ein wichtiger landschaftsprägender, kultureller und wirtschaftlicher  Faktor, und beide sind administrativ eng miteinander verwoben: Politik für Landwirtschaft und ländliche Räume fällt in den Geschäftsbereich ein und desselben Bundesministeriums. Die Förderung des ländlichen  Raums ist ein Teilbereich - die so genannte "zweite Säule" - der öffentlichen Agrarförderung.  

Während bis an die Schwelle des Industriezeitalters die Grenzen zwischen Stadt und Land z. B. in Deutschland rechtlich fixiert und physiognomisch eindeutig erkennbar waren, sind sie seitdem fließend geworden.

Staaten haben aus statistischen und verwaltungstechnischen Gründen häufig unterschiedliche Definitionen von "ländlich". Häufig sieht man den ländlichen Raum als Bezeichnung für einen agglomerationsfernen Raumtyp mit einer regional unterschiedlichen Merkmalsmischung. Als solcher entstammt er der Statistik und zielt mit seinem Singular vor allem auf die allgemeinen Charakteristika des ländlichen Raums. Andererseits verdeckt der Singular "ländlicher Raum" die Tatsache, dass eigentlich unterschiedliche Typen ländlicher Räume mit jeweils eigenen Entwicklungsprozessen und Problemen, aber auch spezifischen Entwicklungschancen bestehen. Dem wird der üblich gewordene Gebrauch des Plurals "ländliche Räume" gerecht, der gleichzeitig die zumindest in der EU überfällige Lösung von der Gleichsetzung ländlicher Räume mit landwirtschaftlicher Produktion erleichtert.

Alleine die vielen Imagevarianten der ländlichen Räume belegen ein z. T. gegensätzliches, auf jeden Fall sehr diversifiziertes Bild (Mose/Weixlbaumer 1998). Die Heterogenität ländlicher Räume erklärt sich vor allem durch die starke Pluralität von Lebensstilen und -formen, in deren Folge eine Unterscheidung von städtischer und ländlicher Bevölkerung immer schwieriger wird. Ehemals deutlich ausgeprägte Unterschiede in den Lebenslagen und Lebensstilen der Bevölkerung ländlicher Räume und der (Groß)Städte nähern sich auch durch Mobilität, Medien und Kommunikation erheblich an. Dazu kommt eine Vielzahl unterschiedlicher Funktionen, die den ländlichen Räumen inzwischen obliegen (Wohnen, Verkehr, Erholung, Naturschutz, Energieproduktion u.w.). Diese Multifunktionalität geht mit einem relativen Bedeutungsrückgang der Landwirtschaft einher.

Auch in der Realität des europäischen Wirtschaftsraumes sind die ländlichen Räume meist heterogen und schwer fassbar. Das eindimensionale, persistente Landwirtschaftsimage hat bloß noch bezüglich einiger Teile der Peripherie Europas sowie neuer EU-Mitgliedsländer reale Gültigkeit.

Je nach landschaftlichen Ausgangsbedingungen, je nach Lage im Netz der großen Entwicklungsachsen und großen Städte stehen ländliche Räume heute in einem Spannungsfeld zwischen zunehmenden Stadt-Umland-Verflechtungen einerseits und wachsender peripherer Abgeschiedenheit mit rückläufigen sozioökonomischen Aktivitäten andererseits. Mit sich verändernden gesellschaftlichen Werthaltungen und Raumwahrnehmungen wandeln sich Standortpräferenzen der Wirtschaft genauso wie jene für individuelle Lebens- und Arbeitsumfelder. Ländliche Regionen nehmen unterschiedliche Entwicklungswege, die durch den demografischen Wandel weiter akzentuiert werden. (Grabski-Kieron 2016)

Eine einheitliche konsensfähige Definition des ländlichen Raums existiert nicht, vielmehr wird diese Raumkategorie angesichts von Urbanisierungs- und Modernisierungsprozessen grundsätzlich infrage gestellt.

Die verschiedenen aktuellen Definitionen des ländlichen Raums spiegeln den jeweiligen Blick auf die Raumkategorie, das spezifische Verständnis von Raum und Raumwandel sowie die Einschätzung seiner Potenziale wider. Häufig wird der ländliche Raum zunächst lediglich als Kategorie des Nicht-Städtischen aufgefasst und damit negativ definiert. Indikatoren hierfür sind die Bevölkerungsdichte oder weitere Verdichtungs- und Zentralitätsmerkmale.

Die gebräuchlichen Abgrenzungen umfassen Positivabgrenzungen, die die Raumkategorie bewusst definieren und deren Grenzen direkt feststellen sowie Negativabgrenzungen, die sich zunächst mit dem begrifflichen Gegenstück der interessierenden Raumkategorie befassen und in einem zweiten Schritt den verbleibenden Restraum zur Kategorie 'Ländlicher Raum' erheben. Begriffe und Definitionen zur Binnendifferenzierung haben häufig einen schwammigen Charakter.

Eine allgemein akzeptierte Abgrenzung besteht nicht, wobei die Abgrenzungsprobleme eine historisch verhältnismäßig junge Erscheinung nach der Auflösung der strengen räumlichen und auch rechtlichen Trennung zwischen Stadt und Land darstellen.

Vorgehensweisen zur Abgrenzung ländlicher Räume

  • Abgrenzungen im Sinne von Ländlichen Räumen als Gebiete außerhalb von Verdichtungsräumen,
  • geographisch-städtebauliche Abgrenzungen (Flächennutzung, Dichte und Geschlossenheit der Bauweise, Art, Geschosszahl und Abstand der Gebäude),
  • formalrechtlichen Methoden, wonach Siedlungen ohne Stadtrechte als Dörfer und die dazugehörenden Territorien als ländlicher Raum gelten (z.T. noch heute in England, Wales, Südafrika, Australien, Dänemark, Brasilien u.a.),
  • Abgrenzungen anhand von allgemein-strukturellen oder sozio-ökonomischen Kriterien (z.B. Siedlungsstruktur, Einwohner-Arbeitsplatz-Dichte, Pendleranteile, Fremdenverkehrsindikatoren) über
  • soziale Konstruktionen mit dem Gedanken der Ländlichkeit und
  • agrarstrukturelle Kriterien wie Agrarquoten, bis zu
  • funktionalen Abgrenzungen (ländliche Räume übernehmen Komplementärfunktionen für Verdichtungsräume, z.B. Zentrale Orte-Konzept nach Christaller).

Die OECD-Definition ländlicher Gebiete - sie gilt als verständlichste internationale Verwaltungsdefinition - schließt sich hier an: Bei der Abgrenzung ländlicher Räume von städtischen Räumen wird ein Grenzwert von 150 Einwohnern pro km² festgelegt, einheitlich für alle Mitgliedsländer mit Ausnahme Japans (500 E/km²). In urbanen Regionen leben über 85 % der Bevölkerung in Gemeinden mit über 150 E/km², in semiruralen Regionen sind es 50 %-85 % der Bevölkerung und in ruralen Regionen unter 50 %. Mit dieser Unterscheidung wird ein Hinweis auf das Kontinuum zwischen rein ländlich und rein städtisch strukturierten Siedlungen gegeben.

Die Europäische Union besitzt demgegenüber keine eigene Verwaltungsdefinition, sodass die in den Mitgliedstaaten gebräuchlichen Definitionen sich stark unterscheiden. Hilfsweise können die Interventionsgebiete der EU-Strukturpolitik (Strukturfonds) als Parameter für die Abgrenzung herangezogen werden. Danach ergibt sich ein Prozentsatz von 65 bezogen auf die Gesamtfläche sowie von 20 bezogen auf die Bevölkerung.

Zur Abgrenzung der ländlichen Räume in Deutschland werden zudem auf der Ebene der Raumordnung noch Verdichtungs-, Zentralitäts- und Erreichbarkeitsmerkmale hinzugezogen.

Diese Abweichungen bei den Verwaltungsdefinitionen sind weitestgehend das Ergebnis verschiedener Ländlichkeitsvorstellungen, die sich sowohl innerhalb als auch zwischen den Gesellschaften unterscheiden. Zum einen gibt es unterschiedliche historische und zeitgenössische Vorstellungen darüber, wie sich ländliche Gesellschaften und Räume von städtischen unterscheiden; zum anderen versuchen verschiedene Interessengruppen die Öffentlichkeit von ihren eigenen Vorstellungen zu überzeugen - sie stellen den Begriff "ländlich" auf verschiedene, für gewöhnlich widersprüchliche Art dar, z.B. als Produktionsgebiete gegenüber unberührten Naturgebieten.

Stadt-Land-Typologie, nach NUTS-3-Regionen

2012 lagen mehr als die Hälfte (51,3 %) der EU-Landfläche in Regionen, die als überwiegend ländlich eingestuft sind. In diesen Gebieten lebten 112,1 Mio. Menschen, also mehr als einem Fünftel (22,3 %) der Bevölkerung der EU-27. Im Jahr 2012 waren etwas weniger als zwei Fünftel (38,7 %) der Fläche der EU Regionen mit mittlerer Bevölkerungsdichte. In diesen Regionen lebte mehr als ein Drittel (35,3 %) der EU-Bevölkerung. Überwiegend städtische Regionen bildeten nur ein Zehntel (10,0 %) der Landfläche. In diesen Regionen lebten aber mehr als zwei Fünftel (42,4 %) der Bevölkerung.

Diese drei Regionstypen sind anhand einer Stadt-Land-Typologie definiert, die jede NUTS-3-Region genau einem der drei Regionstypen zuordnet. Es ist zu beachten, dass sich die Bevölkerungsgrößen und -dichten im Laufe der Zeit ändern können und Regionen entsprechend neu eingestuft werden können. Eine Neueinstufung kann auch dann vorgenommen werden, wenn sich regionale Grenzen ändern. Die in diesem Artikel vorgestellten Analysen basieren auf einer aktuellen Überarbeitung der Typologie unter Verwendung der Klassifikation NUTS 2010.

Quelle: eurostat

Eine einzige Standardtypisierung gibt es also weder auf nationaler noch auf europäischer oder auf globaler Ebene. Unter den Gesichtspunkten von Maßstab und Gebietsgrößen ist allen Typologien jedoch gemeinsam, dass sie eine Einteilung des ländlichen Raumes auf einer gewählten regionalen Ebene vornehmen. Im EU-Kontext werden dazu die in der EU verwendeten statistischen Raumeinheiten der "NUTS-Regionen 2 und 3" verwendet. Für Deutschland bilden die Landkreise und kreisfreien Städte (NUTS 3) und in der Regel die im Verwaltungsaufbau der Bundesländer verankerten regionalen Mittelebenen wie die Regierungsbezirke die kartographische Basis. In der nationalen Raumbeobachtung rückt die Landkreisebene in den Vordergrund.

In der EU nimmt die Agrarpolitik bei der Entwicklung ländlicher Räume eine besondere Stellung ein, weil sie mit ihren Teilpolitiken der Markt- und Preispolitik, der Struktur- und Agrarumweltpolitik, direkt oder indirekt auf Entscheidungen zur Landnutzung einwirkt. Im Mittelpunkt steht die Agrarstrukturpolitik. Der entscheidende Impuls ging 1996 von der Konferenz von Cork (Irland) aus. Das dort verabschiedete Zehn-Punkte-Programm für die Entwicklung ländlicher Räume in Europa zielte darauf, die regionalen Disparitäten und besonderen Problemlagen in der ländlichen Entwicklung wirksam aufzufangen. Im Zuge der Agenda 2000 der EU wurde die Programmatik ländlicher Raumentwicklung erstmals als sogenannte Zweite Säule der EU-Agrarpolitik neben die klassische Markt- und Preispolitik (Erste Säule) gestellt.

Auch die EU-Gemeinschaftsinitiative LEADER (Liaison entre actions de développement de l’économie rurale), die heute einen festen Platz in der Förderlandschaft der ländlichen Raumentwicklung einnimmt, nahm in den 1990er Jahren ihren Anfang. Erstmals stellte sie die lokale und kleinregionale Handlungsebene der peripheren ländlichen Räume Europas in den Fokus, um damit neue Lösungen für die Probleme dieser Regionen zu finden. Sie adressierte die ländlichen Akteure vor Ort und zielte darauf ab, ländliche Entwicklung aus dem Erkennen und Ausschöpfen der jeweiligen regionalen Potenziale voranzutreiben.

Zusammenstellung von Merkmalen des Ländlichen Raums in Deutschland

  • Geringe Siedlungsgröße und kleinteilige Siedlungsstruktur,
  • negative Wanderungsbilanz in peripheren Räumen der EU und in den neuen Bundesländern,
  • relativ geringe Bevölkerungs- und Arbeitsplatzdichte,
  • ein Vorherrschen land- und forstwirtschaftlicher Produktionsflächen und ein Hervortreten von agraren Berufsgruppen im Vergleich zu städtischen Räumen,
  • Anfälligkeit für Globalisierungseffekte,
  • Bedeutungsverlust der Landwirtschaft,
  • eine geringe Industriedichte außerhalb der zentralen Orte, geringe Größe der Industriebetriebe, Hervortreten bestimmter Industriearten,
  • schwach entwickelter Dienstleistungssektor im Vergleich zu städtischen Räumen,
  • hohes Maß an Fremdbestimmung
  • Abhängigkeit von der Stadt in der Versorgung mit höherwertigen Gütern,
  • Pendlerdefizit im Umfeld von Agglomerationen,
  • geringe oder fehlende Zentralität der Siedlungen, mit Ausnahme großer Kommunen im Ländlichen Raum,
  • unzureichende Infrastruktur,
  • ein Erscheinungsbild der Siedlungen, das sich in Grund- und Aufriss der Gebäude und deren Anordnung zueinander aufgrund der anderen sozioökonomischen Funktion und Struktur von der Stadt unterscheidet (hoher Anteil von Ein- und Zweifamilienhäusern),
  • hoher Eigentumsanteil der Häuser und Wohnungen,
  • höhere Dichte zwischenmenschlicher Beziehungen, starke soziale Kontrolle,
  • Landverbundenheit, Heimatzufriedenheit und starke Bindung an die Dorfgemeinschaft als Sublimierungsformen für mögliches Aggressionspotential,
  • andererseits z.T. Konflikte zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen oder ausländischen Bürgern,
  • in einigen Bundesländern eine spezielle rechtlich-administrative Stellung der Siedlungen, z.B. in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein.

In Deutschland umfasst der Begriff "ländlicher Raum" alle Räume außerhalb der offiziell definierten Verdichtungsräume und deren Randbereiche. Im Raumordnungsbericht 2011 wird auf die Verwendung des Begriffs "ländlich" weitgehend verzichtet. Stattdessen stützt er sich primär auf die Entwicklung von Raumtypen, nach denen eine Unterscheidung von sehr peripheren, peripheren, zentralen und sehr zentralen Räumen getroffen wird. Dadurch soll die Nähe von Regionen zu Konzentrationen von Bevölkerung und Arbeitsplätzen abgebildet werden. Nach wie vor findet aber auch das System der Siedlungsstrukturellen Kreistypen Anwendung, das auf Berechnungen von Bevölkerungszahl und -dichte basiert und wonach zwischen verschiedenen Kreistypen städtischer und ländlicher Prägung unterschieden wird. (Mose 2016)

Siedlungsstrukturelle Kreistypen 2015

Die räumliche Ebene zur Bildung der Kreistypen sind nicht die 402 Stadt- und Landkreise selbst, sondern die 363 Kreisregionen.

Für die Typenbildung werden folgende Siedlungsstrukturmerkmale herangezogen:

- Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten

- Einwohnerdichte der Kreisregion

- Einwohnerdichte der Kreisregion ohne Berücksichtigung der Groß- und Mittelstädte

Auf diese Weise können vier Gruppen unterschieden werden:

1. Kreisfreie Großstädte

2. Städtische Kreise

3. Ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen:

4. Dünn besiedelte ländliche Kreise

Quelle: BBSR

 

In jüngerer Zeit hat das Thünen-Institut für Ländliche Räume eine Methodik zur Abgrenzung und Typisierung ländlicher Räume entwickelt, um diese Räume anhand von Daten der amtlichen Statistiken beschreiben und analysieren zu können. Hierzu werden zwei Dimensionen definiert, jeweils mit mehreren Indikatoren operationalisiert und mit Hilfe einer Hauptkomponentenanalyse zu je einem Index aggregiert. Zum einen wird die Dimension Ländlichkeit genutzt, um ländliche von nicht-ländlichen Regionen abzugrenzen und um innerhalb dieser Raumkategorie zwischen eher ländlichen und sehr ländlichen Räumen zu unterscheiden. Die Ländlichkeit ist tendenziell umso ausgeprägter, je geringer die Siedlungsdichte, je höher der Anteil land- und forstwirtschaftlicher Fläche, je höher der Anteil der Ein- und Zweifamilienhäuser, je geringer das Bevölkerungspotenzial und je schlechter die Erreichbarkeit großer Zentren ist. Zum zweiten wird die Dimension sozioökonomische Lage verwendet, um die ländlichen Regionen in solche mit guter und weniger guter sozioökonomischer Lage auszudifferenzieren. Damit wird die Erkenntnis aufgegriffen, dass mit Ländlichkeit keineswegs automatisch sozioökonomische Problemlagen einhergehen. Durch die Kombination beider Dimensionen entstehen so neben dem nicht-ländlichen Raumtyp vier Typen. Im Ergebnis der Abgrenzung leben 57,2 % der Einwohner Deutschlands in ländlichen Räumen auf 91,3 % der Fläche. Die Bevölkerungsanteile der vier ländlichen Raumtypen sind relativ ausgeglichen und liegen zwischen ca. 11 und 16 %.

Mögliche neue Risiken für den Ländlichen Raum durch aktuelle Entwicklungen

  • Die weiter voranschreitende Konzentration im Einzelhandel, vor allem auch über den Bereich des Lebensmitteleinzelhandels hinaus wird zu einer weiteren Zentralisation von Management und Beschaffungsentscheidungen in dieser Branche führen. Lieferanten aus der Konsumgüterindustrie, die überproportional häufig in peripheren Räumen angesiedelt sind, stehen einer wachsenden Nachfragemacht gegenüber. Daneben wird der ländliche Einzelhandel vermutlich Einbußen hinnehmen.
  • Der Abbau der Lagerhaltung (zunächst) in der Automobilindustrie durch die sogenannte "just-in-time-Logistik" zwingt die Zubehörlieferanten, sich in räumlicher Nähe der Automobilwerke anzusiedeln. Eine Arbeitsplatzkonzentration an wenigen Standorten und ein Arbeitsplatzabbau an den verstreut liegenden Standorten der Zulieferer wird angenommen.
  • Der Fremdenverkehrssektor, der häufig als Hoffnungsträger für ländliche Räume angesehen wird, wird für Investoren aus anderen Branchen und für Kapitalanleger zunehmend interessant. Der bisher niedrige Professionalisierungsgrad der Branche erleichtert es Gastronomiekonzernen, in regionale Märkte vorzudringen. Der zu erwartende Strukturwandel wird vor allem zu Lasten der kleineren Fremdenverkehrsstandorte gehen.
  • Häufig ist ein Teil der gewachsenen dörflichen Infrastruktur wie Schule, Rathaus, Polizeiposten, Krankenhaus in der Fläche ausgedünnt und ihre Funktion den zentralen Orten zugewiesen worden.
  • Post und Bahn verfolgen eine marktorientierte Preis- und Leistungsgestaltung. Damit ist für den Ländlichen Raum nicht nur mit einer verspäteten Einführung neuer Leistungen, sondern auch mit einer Reduzierung bisheriger Leistungen zu rechnen.
  • Die Einführung von Rohstoffkreisläufen durch Recycling ist - wie die Warendistribution - in Ländlichen Räumen zweifellos aufwendiger durchzuführen als in Verdichtungsräumen und könnte bei einer Kostenumlegung nach dem Verursacherprinzip ebenfalls zu einer stärkeren Belastung der Bevölkerung Ländlicher Räume führen.
  • Durch die zunehmenden Machtgewinne der Zentralen gegenüber dem Ländlichen Raum entwickelte sich dessen Förderung zunehmend zu einer Fremdsteuerung und Fremdbestimmung.
  • Fremdbestimmte und zentrale Leitbilder und Programme können zu einer Vereinheitlichung und Schablonisierung der Kulturlandschaft führen bei gleichzeitigem Verlust der regionalen und lokalen Unterschiede, Besonderheiten und Potentiale.
  • Die Landwirte geraten zunehmend in die politische und wirtschaftliche Abhängigkeit der zentralen Bürokratien, Futtermittel-, Agrarchemie- und Vermarktungsindustrien.
  • Politisch geförderte Konzentrationsprozesse in den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereichen, z.B. Landhandel, Molkereien, Schlachthöfe, entziehen Dörfern und Kleinstädten Arbeitsplätze zugunsten der Mittel- und Großstädte.
  • Ein ständig wachsender Überbau an Gesetzen und zentral gelenkten Fachpolitiken untergräbt die kommunale Selbstverwaltung.
  • Teilweise Überforderung durch die Zuwanderung der letzten Jahre (Flüchtlingszuzug).

Ländliche und städtische Räume bilden kein voneinander unabhängiges Nebeneinander, sondern ergänzen sich gegenseitig. Sie sind als Produkte der arbeitsteiligen Gesellschaft funktional verbunden. Städte besitzen Versorgungsfunktionen im weitesten Sinne für die ländlichen Räume, daneben weitere Aufgaben, z.B. in manchen Gesellschaften Wohnsitzfunktion für stadtsässige Grundbesitzer und Farmer. Neben ihren Funktionen als Wohn- und Arbeitsraum mit hoher Lebens- und Umweltqualität für die dort lebende Bevölkerung, die Bereitstellung von Nahrungsgütern und Rohstoffen aller Art sowie als Standort für Industrien und ländliches Kleingewerbe besitzen die ländlichen Räume überwiegend Ausgleichsfunktionen gegenüber den urbanen Räumen.

Ausgleichsfunktionen ländlicher Räume

  • Erholungsräume für die in den Städten und Stadtregionen lebenden Menschen, dabei Standortfunktion für viele Unternehmen der Tourismus - und Gesundheitswirtschaft,
  • in zunehmendem Maße auch Wohn- und Lebensraum für verschiedene, die Städte und Stadtregionen verlassende Bevölkerungsgruppen (z.B. Ruhestandsbevölkerung),
  • allgemeine Wohlfahrts- und Schutzfunktionen dienen z. B. der Lufterneuerung, der Wassergewinnung und Wasserspeicherung, sowie der Energieversorgung,
  • Raumreserve für verschiedene Zwecke: Verkehrseinrichtungen, Mülldeponien, Kraftwerke, militärische Einrichtungen usw.,
  • Kreislauf- und Recyclingfunktion für organische Abfälle,
  • ökologische Ausgleichs- und Vorhaltefunktion (Regenerationsfunktion) für künftige Bedürfnisse (z.B. Artenvielfalt).

Diese Arbeitsteilung findet in Bezug auf die Umweltleistungen der ländlichen Gebiete, die im wesentlichen öffentliche Güter darstellen, keine ausreichende Entsprechung in den finanzwirtschaftlichen Zahlungsströmen. Andererseits gehen vom Ländlichen Raum auch negative Umweltwirkungen aus, die - analog zu Ballungsgebieten - von wirtschaftlichen Aktivitäten, insbesondere dem konventionellen Landbau herrühren.

Gleichzeitig bestehen negative Umwelteinwirkungen auf ländliche Räume, die von wirtschaftlichen Aktivitäten in Ballungsgebieten ausgehen. Dazu gehören u. a. Ozonkonzentrationen, Schwermetallbelastungen, industrielle Einleitungen in Oberflächengewässer und Luftbelastungen.

Konzepte zur Landentwicklung im ländlichen Raum werden insbesondere über die Instrumente Flurbereinigung, Dorferneuerung, Agrarstrukturelle Entwicklungsplanung (AEP), Bundesinitiative Ländliche Entwicklung (BULE), wie auch über länderspezifische Programme (MEKA) verfolgt. Dabei wird zunehmend die bisherige sektorale Planung verlassen zugunsten von integrierten Konzepten der betroffenen Wirtschafts-, Landwirtschafts-, Umwelt-, Sozial- und Kulturpolitik. Verstärkt wird in Fachkreisen die Individualität der einzelnen ländlichen Gebiete anerkannt und der Abbau zentralistischer Regelungen angestrebt.

Neben nationalen Konzepten sollen auch EU-Strategien die Strukturschwächen des Ländlichen Raumes beseitigen oder mindern. In der Förderung haben die EU-Struktur- und Investitionsfonds sowie die Bund-Länder-Gemeinschaftsaufgaben die größte Bedeutung. Mit der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ (GRW) verfügen Bund und Länder über ein bewährtes nstrument zur Förderung von strukturschwachen Regionen. Die Weiterentwicklung der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) soll eine verstärkte Förderung von Maßnahmen der Infrastruktur und Daseinsvorsorge ländlicher Gebiete sowie des Vertragsnaturschutzes und der Landschaftspflege und damit die umfassendere Nutzung der Fördermöglichkeiten des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) ermöglichen. Hinzu kommen die Städtebauförderung des Bundes und der Länder, die gezielt Förderanreize für Städte und Gemeinden in ländlichen Räumen bietet sowie die aktuellen Initiativen von Bund und Ländern zum Ausbau der Breitbandinfrastruktur.

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