Binnenkolonisation
Binnenkolonisation bezeichnet die Erschließung, Urbarmachung und planmäßige Besiedlung bislang ungenutzter oder dünn besiedelter Gebiete innerhalb eines Landes.Sie wurden dabei für Landwirtschaft, Siedlungen oder Infrastruktur nutzbar gemacht.
So wurde der Landesausbau verschiedener deutscher Staaten im 18.Jh. als Binnenkolonisation und die daraus entstanden Siedlungen als Kolonien bezeichnet.
Vom frühen Mittelalter an wuchs in Mitteleuropa die Bevölkerung – von einer Stagnation im 10. Jh. abgesehen – bis ins 14. Jh. kontinuierlich an. Als Folge davon vergrößerten sich ländliche Siedlungsplätze von Weilern zu Dörfern (Verdorfung), wurden viele neue Siedlungen gegründet und Neulandgewinnung betrieben. Besonders nicht erbberechtigte Bauernsöhne konnten so in neuen Gebieten eine eigene Existenz aufbauen.
Kernmerkmale
Typische Maßnahmen der Binnenkolonisation waren:
- Rodung von Wäldern und Urbarmachung von Mooren oder sumpfigen Gebieten
- Trockenlegung von Mooren und Marschland durch Gräben oder Dämme
- Planmäßige Anlage neuer Dörfer entlang von Straßen (Straßendörfer) oder um Dorfplätze (Angerdörfer),
- Bereitstellung von Infrastruktur, wie Wasserwege, Straßen oder später Eisenbahnen, um abgelegene Gebiete zugänglich zu machen
Geschichtlicher Kontext
Historische Beispiele für Binnenkolonisation umfassen:
- Deutsche Ostsiedlung im Hochmittelalter, bei der dünn besiedelte Gebiete im Osten Deutschlands erschlossen wurden. Mitunter geht die innere Kolonisation (der Landesausbau) mit einer äußeren Siedlungsbewegung einher, wie es etwa während der Zeit der deutschen Ostsiedlung im Hochmittelalter der Fall war. Diese Form der Kolonisation ist vom neuzeitlichen Kolonialismus zu unterscheiden.
- Friderizianische Kolonisation in Preußen unter Friedrich dem Großen, die systematische Besiedlung und Kultivierung von Landflächen beinhaltete. In dieser Zeit sprach man in diesem Zusammenhang oft von Peuplierung.
- Moorkolonisation, die gezielte Urbarmachung von Moorgebieten zur Schaffung von Siedlungs- und Ackerflächen
- Auf dem amerikanischen Kontinent und Australien war die Binnenkolonisation mit einem Zustrom zunächst vor allem europäischer Einwanderer verbunden.
Soziale und wirtschaftliche Auswirkungen
Die Binnenkolonisation hatte weitreichende Folgen:
- Veränderung der Landschaft durch Rodung, Trockenlegung und Landgewinnung
- Gründung neuer Siedlungen und Städte, oft mit planmäßiger Struktur (Plansiedlung)
- Migration innerhalb des Landes, da Menschen in neu erschlossene Gebiete zogen
- Ausbau der Landwirtschaft, da neue Flächen für Ackerbau und Viehhaltung genutzt wurden
Rodungen als wesentliches Begleitphänomen
Da Wald die natürliche Bodenbedeckung in Mitteleuropa seit dem Ende der letzten Eiszeit darstellt, waren die Anlage und der Ausbau von Siedlungen nahezu immer mit der Beseitigung von Wald (Rodung) verbunden.
Schwerpunkte frühmittelalterlicher Rodung lagen im NW, wo Moore trockengelegt und Dämme gebaut wurden, sowie in den Wäldern der Vogesen, des Schwarzwaldes, des Harz und des Thüringerwaldes.
Die alten Rodungsinseln, die vereinzelt am Rand der Talniederungen oder entlang der Höhenstraßen gelegen waren, wurden durch Rodungsstreifen untereinander verbunden, daneben entstanden Neurodungen in breiter Streuung und tief in die Waldflächen hineinreichend. Träger des Landesausbaus waren neben Klöstern und Grundherren auch bäuerliche Siedler, die das Rodungs- und Siedlungsrecht gegen Abgabenleistung von klerikalen oder weltlichen Grundherrschaften erworben hatten. Die Rodungsarbeit bestand hauptsächlich im Niederlegen von Wald und Busch, wobei Brandrodung auf deutschem Boden nur in geringem Umfang und nur in Tannenwäldern angewandt wurde. (Das geschlagene Holz wurde auf vielfältige Weise genutzt, nur überflüssiges Wurzel- und Strauchwerk verbrannte man).
Auf Siedlungsgründungen im Rahmen des Landesausbaus weisen Ortsnamen hin, die auf -hagen, -holz-, -horst, -lohe, -wald(e), -reut(h), -rode, -sang (v. mhd. sengen) oder –schwand (zu mhd. swenden = schwinden machen, ausreuten) enden.