Lexikon des Agrarraums

Kurt G. Baldenhofer

Zuckerrohrplantage in Australien

Tragfähigkeit

Der Begriff Tragfähigkeit verknüpft die Einwohnerzahl eines Raumes mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen unter Einbeziehung des Entwicklungsstandes der jeweiligen Gesellschaft (Bevölkerungsoptimum). Eine zentrale Position bei diesem Beziehungsgeflecht nimmt die Nahrungsmittelproduktion ein, die sich im Falle eines Bevölkerungswachstums erhöhen muss, um eine konstante Versorgung zu sichern (Ernährungskapazität). Aus den Grenzkosten für die zusätzliche Erzeugung eines jeden Gutes lässt sich folgern, dass in allen Räumen eine obere Grenze für die Nahrungsmittelproduktion, also eine Tragfähigkeit, existiert. Eine große Bandbreite von Faktoren beeinflussen die Tragfähigkeit.

Die Tragfähigkeit eines Raumes gibt also diejenige Menschenmenge an, die in diesem Raum unter Berücksichtigung des erreichten Kultur- und Zivilisationsstandes auf agrarischer (agrarische Tragfähigkeit), natürlicher (naturbedingter Tragfähigkeit) und gesamtwirtschaftlicher (gesamte Tragfähigkeit) Basis ohne Handel (innenbedingte Tragfähigkeit) bzw. mit Handel (außenbedingte Tragfähigkeit) unter Wahrung eines bestimmten Lebensstandards (optimale Tragfähigkeit) bzw. des Existenzminimums (maximale Tragfähigkeit) auf längere Sicht leben kann. Diese komplexe, die verschiedenen Einflüsse widerspiegelnde Definition verdeutlicht, dass die Tragfähigkeit nicht mit einzelnen Indikatoren wie z.B. der Bevölkerungsdichte abzuschätzen ist. Wenn sie auch heute keineswegs nur von der Nahrungsmittelproduktion abhängig ist, setzen doch Umweltbelastungen sowie nicht erneuerbare Rohstoffquellen (Club of Rome) ebenfalls Grenzen.

Agrarische Tragfähigkeit

Die agrarische (auch: agrare) Tragfähigkeit eines Raumes gibt diejenige Menschenmenge an, die von diesem Raum unter Berücksichtigung eines dort in naher Zukunft erreichbaren Kultur- und Zivilisationsstandes und bei herrschendem Klima auf überwiegend agrarischer Grundlage langfristig mit Nahrungsmitteln und nachwachsenden Rohstoffen versorgt werden kann, ohne dass der Naturhaushalt nachteilig beeinflusst wird. Zur Sicherung der Langfristigkeit der Bodenbewirtschaftung sollte die Produktion mit einem Minimum an externer Energie und an Rohstoffen erfolgen. Schon früh enthält diese Definition den Gedanken der sustainable development.

Die agrarische Tragfähigkeit ist zudem davon abhängig, welche Nahrungszusammensetzung (pflanzlich/tierisch) in einem Raum vorherrscht. Bei der in vielen Industrieländern heute üblichen Ernährungsweise mit hohem Anteil an tierischen Produkten (Fleisch, Milchprodukte, Eier) und Kraftfutter-Mast liegt der Getreide- und Futtermittelbedarf beim Zehnfachen des Bedarfs für eine abgestimmte, auf pflanzlicher Nahrung und Weideviehhaltung basierenden Versorgung. Bei einer solchen Ernährung würde die heutige Anbaufläche ausreichen, um global mindestens die doppelte Zahl von Menschen zu ernähren.

Agrarische Tragfähigkeit in Entwicklungsländern in Abhängigkeit vom Nutzungstyp
Agrarische Tragfähigkeit in Entwicklungsländern in Abhängigkeit vom Nutzungstyp

Quelle: Spielmann 1989

Ähnlich definieren auch Ökologen den synonymen Begriff der Tragekapazität als die Eigenschaft eines Wirtschaftsraumes, eine bestimmte Bevölkerung nachhaltig zu tragen. Tragekapazität ist eine Funktion der Ressourcen (Biomasse, Wasser, Luft, Boden, Kreisläufe, Klima, Schadstoffsenken), des Handels, der menschlichen Bedürfnisse/Ansprüche, der Ressourceneffizienz, der Produktivität sowie des Humankapitals. (Mohr, 1996)

Allgemeine Tragfähigkeit der Erde

Die Berechnung der allgemeinen Tragfähigkeit der Erde hat bis heute keine befriedigende Lösung gefunden, weil dabei eine sehr große Zahl von Faktoren zu berücksichtigen ist:

Die Steigerung der globalen Tragfähigkeit in historischer Zeit spiegelt vorrangig die Änderung der Produktionsbedingungen wieder:

Ungefähre globale Tragfähigkeit zu unterschiedlichen Kulturstufen
Ungefähre globale Tragfähigkeit zu unterschiedlichen Kulturstufen

Quelle: Mohr 1996

Man geht davon aus, dass die Produktionskapazität der Erde rechnerisch groß genug ist, um die derzeitige Erdbevölkerung "ausreichend" zu ernähren, d.h. dass bei entsprechender Verteilung der Nahrungsmittel niemand hungern oder unterernährt sein müßte. Eine Ernährung der Erdbevölkerung gemäß US-amerikanischen Ansprüchen ist allerdings schon heute nicht mehr möglich, da die Bevölkerungszahl in diesem Fall ca. 3 Mrd. nicht überschreiten dürfte. Auch bedeutet die rechnerische Deckung des Globalbedarfs nicht, dass alle Teilräume des Agrarraums in der Lage wären, ihre Bevölkerung zu ernähren. Nur ein Teil der "kritischen" Länder mit einem Nahrungsmitteldefizit hat durch außerlandwirtschaftliche Aktivitäten (z.B. Bergbau) genug Geld zur Finanzierung erforderlicher Nahrungsimporte. Dies verstärkt Abhängigkeitsstrukturen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Dazu kommt, dass rd. 95 % des Weltgetreidehandels von nur 5 Agrarkonzernen kontrolliert werden.

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