Lexikon des Agrarraums

Kurt G. Baldenhofer

Zuckerrohrplantage in Australien

Wildgräser

Als Wildgräser bezeichnet man alle Grasarten, die von Natur aus in der freien Landschaft wachsen und nicht durch menschliche Züchtung für den Rasenbau oder die Landwirtschaft (wie Getreide) verändert wurden.

Sie sind die heimischen Urformen unserer Gräser und bilden das Rückgrat fast jedes natürlichen Ökosystems – von der klassischen Fettwiese bis hin zu trockenen Sanddünen oder lichten Wäldern.

Merkmale

Die allermeisten Wildgräser gehören zur Familie der Süßgräser (Poaceae), einer der erfolgreichsten Pflanzenfamilien der Erde. Einige wenige gehören zu den Sauergräsern (wie Seggen oder Binsen), die vor allem feuchte Standorte bevorzugen. Im Gegensatz zu bunt blühenden Wildkräutern besitzen Gräser unauffällige, windbestäubte Blüten, die oft in kunstvollen Ähren oder Rispen angeordnet sind.

Bekannte heimische Arten
Wollige Honiggras (Holcus lanatus)

Fühlt sich ganz weich und samtig an und hat oft einen rötlich-violetten Schimmer

Wiesen-Fuchsschwanz (Alopecurus pratensis) Hat dichte, walzenförmige Blütenstände, die an einen flauschigen Schwanz erinnern
Gemeines Zittergras (Briza media)

Besitzt kleine, herzförmige Ährchen, die schon bei der kleinsten Brise sanft zittern.

Knäuelgras (Dactylis glomerata) Wächst in dichten Horsten, seine Blüten hängen in markanten, dichten Knäueln zusammen.

Bedeutung der Wildgräser

Wildgräser werden oft fälschlicherweise als einfaches „Unkraut“ abgetan, aber sie sind das heimliche Rückgrat unserer Ökosysteme. Sie erfüllen eine Vielzahl von überlebenswichtigen Funktionen für die Natur und das Klima.

Wichtige Funktionen der Wildgräser
Ökologische Schlüsselfunktion (Nahrung und Lebensraum)

Wildgräser sind das Fundament der Nahrungskette.

  • Für Insekten: Viele heimische Schmetterlingsraupen (wie das Große Ochsenauge oder der Braunkolbige Dickkopffalter) sind spezialisiert und fressen ausschließlich bestimmte Wildgräser. Auch Wildbienen nutzen die Halme zum Nisten.
  • Für Vögel und Säugetiere: Im Herbst und Winter bieten die Samenstände von Gräsern eine proteinreiche Nahrungsquelle für Vögel. Für Feldhasen, Rehe und Nagetiere sind sie Grundnahrungsmittel und Versteck zugleich.
Bodenschutz und Erosionskontrolle Wildgräser haben extrem weit verzweigte, tiefgehende und dichte Wurzelsysteme.Sie halten die Erde zusammen und verhindern, dass fruchtbarer Boden durch Starkregen weggespült oder durch starken Wind weggeweht wird (Erosionsschutz).Sie verbessern die Bodenstruktur, machen ihn locker und fördern das Mikroleben im Boden (Regenwürmer, Pilze, Bakterien).
Wasserspeicher und Hochwasserschutz

Ein mit Wildgräsern bewachsener Boden wirkt wie ein gigantischer Schwamm.Sie erhöhen die Infiltrationsfähigkeit des Bodens. Regenwasser fließt nicht einfach oberflächlich ab, sondern versickert langsam. Das füllt die Grundwasserspeicher auf und mindert die Gefahr von lokalen Überschwemmungen bei Unwettern.

Klimaregulierung und CO2-Speicherung Sie binden kontinuierlich Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Das Besondere: Während Wälder CO2 vor allem über der Erde im Holz speichern, lagern Gräser einen Großteil des Kohlenstoffs unterirdisch in ihren Wurzeln ein. Stirbt die Pflanze oberirdisch ab oder wird sie abgefressen, bleibt der Kohlenstoff im Boden gebunden.
Genetische Reserve für unsere Nahrung

Unsere heutigen Getreidesorten (Weizen, Gerste, Roggen, Hafer) stammen alle von wilden Ur-Gräsern ab.

Wildgräser besitzen oft Resistenzen gegen extreme Hitze, Trockenheit oder Krankheiten. Sterben sie aus, verlieren wir wertvolles Erbgut, das wir in Zukunft in unsere Nutzpflanzen einkreuzen müssten, um sie an den Klimawandel anzupassen.

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