Kolchose
Kolchose ist die russische Bezeichnung für eine sozialistische Kollektivwirtschaft (kollektivnoe chozjajstvo) im Sinne eines landwirtschaftlichen Großbetriebs. Nach der Oktoberrevolution entstanden solche Betriebe durch Kollektivierung ehemals bäuerlicher Privatbetriebe in der früheren UdSSR und den anderen Staaten des „Ostblocks“, zunächst auf freiwilliger Basis, später durch Zwangskollektivierung..
Eine Kolchose konnte die landwirtschaftliche Nutzfläche und die Betriebseinrichtungen eines oder mehrerer Dörfer umfassen, deren Bewirtschaftung in genossenschaftlicher Form auf Großblockfluren bzw. in großräumig betriebener Viehhaltung erfolgte.
Die Produktionsmittel wie Maschinen, Vieh und landwirtschaftliche Flächen gehörten formal allen Mitgliedern, der Boden selbst blieb jedoch Staatseigentum. und wurde den Kolchosen zur dauerhaften Nutzung überlassen. Die Mitglieder arbeiteten gemeinsam auf den Feldern und in der Viehhaltung, wobei die Arbeit nach Fähigkeiten und Verfügbarkeit verteilt wurde.
Die Kolchose-Bauern durften Gartenland (kleine Parzellen zwischen 0,25 und 0,5 Hektar) und wenige Stücke Vieh privat nutzen ('Privates Hofland'). Die erwirtschafteten Produkte dienten dem privaten Konsum oder durften auf Kolchosmärkten verkauft werden. Obwohl diese privaten Hofländer zusammengerechnet im Schnitt weniger als 3 % der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche der UdSSR ausmachten, lieferten sie einen gigantischen Anteil der Nahrungsmittel für das ganze Land.
Transformation
Nach dem Ende des sozialistischen Systems in Ostmittel- und Osteuropa wurden die Kolchosen z.T. reprivatisiert, z.T. in andere Rechtsformen überführt.
Die russische Volkswirtschaft und damit auch der Agrarsektor befand sich in den letzten Dekaden in einem Transformationsprozess von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft. Die Entwicklung der Betriebsstruktur wird von der Privatisierungs- und Bodenpolitik beeinflusst sowie durch neue Preisstrukturen bestimmt. Die Privatisierung hat die Vielfalt der Betriebsformen erhöht und den Anteil des privaten Sektors anwachsen lassen.
Formal gilt die Umformung der früheren Kolchosen und Sowchosen in Unternehmens- und Rechtsformen westlichen Typs als weitgehend abgeschlossen. Seit Einführung der 1988 eingeleiteten Agrarreform sind aus 28.000 Kolchosen und Sowchosen mit einer Durchschnittsgröße von 7.500 ha LF etwa 300.000 privatbäuerliche Betriebe mit einer Durchschnittsgröße von ca. 36 ha und einem durchschnittlichen Besatz von 3 Arbeitskräften entstanden. Etwa 18.000 ehemalige Kolchosen und Sowchosen, die 1994 durchschnittlich noch 6.000 ha LF bewirtschafteten, existieren überwiegend als GmbHs und AGs geschlossenen Typs weiter. Einen bedeutenden und noch zunehmenden Anteil an der Agrarproduktion besitzen die ca. 39 Mio. persönlichen Selbstversorgungswirtschaften und kollektiven Gärten, die etwa 40 % der gesamten Tierproduktion abdecken und ca. 90 % der Kartoffeln und 67 % des Gemüses erzeugen, im Durchschnitt aber nur über 0,34 ha LF verfügen. Die privaten Erzeuger bedienen sich dabei in beträchtlichem Maße der Faktorausstattung der Großbetriebe.
Im alltäglichen Sprachgebrauch auf dem russischen Land wird das Wort „Kolchos“ von älteren Generationen oft immer noch für den lokalen Großbetrieb verwendet, selbst wenn dieser längst einer privaten Aktiengesellschaft gehört. In einigen Ländern (z. B. Russland, Kasachstan, Ukraine, Belarus) gibt es noch Unternehmen mit der Bezeichnung „Kolchos“ bzw. „kolkhoz“ im Namen, die aber nicht mehr das kollektive Eigentum nach sowjetischem Muster darstellen; oft sind sie privat- oder staatsgeführt, aber rechtlich anders strukturiert.
Bis 2018 hatte sich die Agrarstruktur komplett verändert: Der Anteil der landwirtschaftlichen Unternehmen an der landwirtschaftlichen Produktion war auf 55 Prozent gefallen, der Anteil der Familienbetriebe auf 45 Prozent gestiegen (33 Prozent davon waren kleine Haushalte, zwölf Prozent bäuerliche Betriebe).
Bis Ende der 1990er Jahre begann sich die neue Form großer landwirtschaftlicher Agglomerationen herauszubilden, die als »Agrarholding« bekannt wurden. Da die einzelnen Bauern oft weder das Geld noch die Maschinen für private Höfe hatten, kauften Investoren die Landanteile massenhaft auf. Heute wird die russische Landwirtschaft von riesigen, hocheffizienten Agrarkonzernen dominiert.
(s. a. Kollektivierung)
1"LPH" ist die russische Abkürzung für kleine, privat bewirtschaftete Einheiten ("household plots") von Angestellten der Genossenschaftsbetriebe
2"Datscha" ist der russische Name für die von meist städtischen Haushalten bewirtschafteten Gärten
Quelle: tho Seeth und Wehrheim 1996, leicht verändert
Weitere Informationen:
- Feilschen erlaubt (Spiegel 24/1984)
- Was wurde aus der Kolchose? (ORF 2017)